Mein persönlicher Blog

Mein Name ist Ludwig Conrads.

Eigentlich wollte ich mich nie öffentlich politisch äußern. Doch die Entwicklungen der letzten Jahre lassen diesen Rückzug ins Private nicht mehr zu: Haltung zu zeigen ist in der heutigen Zeit keine Option mehr, sondern eine Bürgerpflicht.

Hier beziehe ich Stellung zu Themen, die bewegen, aufrütteln oder schlicht nicht unkommentiert bleiben dürfen.

Ich gebe mir große Mühe, alle Fakten gewissenhaft zu prüfen – die daraus abgeleiteten Schlüsse und Meinungen in den Artikeln sind jedoch ganz meine eigenen.

     

Artikel

Was bleibt vom Versprechen des Kanzlers alles für den Klimaschutz zu tun?

04.09.2025 • Ludwig Conrads

Beitragsbild

Die Bilder der verheerenden Waldbrände dieses Sommers haben sich tief ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Bundeskanzler Friedrich Merz fand angesichts der Katastrophe deutliche Worte: Man werde alles unternehmen, um den Klimawandel entschieden zu bekämpfen. Doch zwischen den markigen Worten der Regierungsspitze und der politischen Realität im Berliner Alltag klafft eine tiefe Lücke. Statt einer konsequenten Vorwärtsstrategie dominiert ein Kurs des Zögerns, des Rückschritts und der technologiepolitischen Geisterfahrt.

Söders Verbrenner-Nostalgie: Industriepolitisches Harakiri

Während die globalen Leitmärkte unumkehrbar auf Elektromobilität umschwenken, trommelt Bayerns Ministerpräsident Markus Söder unablässig für das „Aus vom Aus“ des Verbrennungsmotors. Als argumentative Stütze werden eigens in Auftrag gegebene oder selektiv interpretierte Gutachten herangezogen – etwa Berechnungen, die den CO₂-Vorteil von E-Autos künstlich kleinrechnen und dem Verbrenner mit synthetischen Kraftstoffen (E-Fuels) ein theoretisches Weiterleben andichten.

Dabei ignorieren diese Scheinlösungen elementare Gesetze der Thermodynamik und Ökonomie:

Kriterium Batterieelektrisches Auto (BEV) Verbrenner mit E-Fuels
Wirkungsgrad („Well-to-Wheel“) 70 % – 80 % 10 % – 15 %
Benötigte Ökostrommenge (pro 100 km) ca. 18 – 22 kWh ca. 100 – 120 kWh (Faktor 5 bis 6)
Umwandlungskette Stromnetz Ladegerät Batterie Elektromotor Strom Elektrolyse (H2) CO2-Abscheidung Fischer-Tropsch-Synthese Transport Verbrennungsmotor
Reichweite mit 100 kWh Ökostrom ca. 500 km ca. 80 – 100 km

Datenquellen: Fraunhofer ISI, Agora Verkehrswende, Transport & Environment

Der physikalische Unsinn: Ein E-Auto nutzt den sauberen Strom nahezu verlustfrei für den Vortrieb. Für dieselbe Fahrstrecke mit E-Fuels muss die fünf- bis sechsfache Menge an erneuerbarem Strom erzeugt werden, weil bei der mehrstufigen chemischen Synthese und der ineffizienten Verbrennungswärme bis zu 85 bis 90 Prozent der Energie verloren gehen. E-Fuels werden auf Jahrzehnte ein knappes, teures Luxusgut bleiben, das dringend im Flug- und Schiffsverkehr benötigt wird – nicht im Pkw-Tank.

Der Weltmarkt wartet nicht: In China, dem weltweit wichtigsten Automobilmarkt, liegt der Marktanteil von New Energy Vehicles (NEVs) mittlerweile stabil über 50 Prozent. Wer im Jahr 2026 noch versucht, den Verbrennungsmotor künstlich am Leben zu halten, schützt keine Arbeitsplätze – er gefährdet die Existenz von Zulieferern und Herstellern. Wenn die deutsche Automobilindustrie ihr technologisches Defizit bei Softwarearchitektur, Batteriezellchemie und Kostendegression nicht in Rekordzeit schließt, droht ihr dasselbe Schicksal wie einst der europäischen Unterhaltungselektronik.

Katherina Reiches Energiepolitik: Fossile Brücken ins Nichts

Nicht minder rückwärtsgewandt präsentiert sich das Wirtschaftsministerium unter Katherina Reiche. Statt die Erneuerbaren zu entfesseln und Netze zukunftsfest zu machen, fließen politische Energie und Steuermilliarden in den Neubau fossiler Kapazitäten.

Das Milliardengrab „Netzengpassmanagement“

Die echten Engpässe liegen nicht in der Erzeugung, sondern in den Netzen. Da die großen Stromautobahnen vom windreichen Norden in die Industriezentren des Südens jahrelang verschleppt wurden, muss das Stromnetz permanent künstlich stabilisiert werden:

Milliardenlast für Stromkunden: Nach offiziellen Daten der Bundesnetzagentur beliefen sich die Gesamtkosten für das Netzengpassmanagement (Redispatch, Einspeisemanagement, Netzreserve und Countertrading) im Jahr 2023 auf rund 3,4 Milliarden Euro, 2024 auf rund 2,95 Milliarden Euro und 2025 auf 3,1 Milliarden Euro.

Absurdes Abregeln: Allein 2025 wurden Milliarden Kilowattstunden sauberer Sonnen- und Windstrom abgeregelt („Geisterstrom“), während gleichzeitig im Süden Kohle- und Gaskraftwerke hochgefahren werden mussten, um lokale Stromnetze vor dem Kollaps zu bewahren. Die Entschädigungen für die Betreiber und die Brennstoffkosten der fossilen Kraftwerke zahlen die Bürgerinnen und Bürger über die Netzentgelte.

Falsche Prioritäten bei Investitionen

Subventionen für Gaskraftwerke: Für den Bau und die Vorhaltung neuer Gaskraftwerke (rund 12 Gigawatt) stehen Verpflichtungsermächtigungen und Umlagen von 15 bis über 30 Milliarden Euro im Raum – Investitionen in fossile Strukturen unter dem Deckmantel einer erst fernen „Wasserstoff-Readiness“. Jeder Euro, der hier gebunden wird, fehlt bei der Beschleunigung von Trassen wie SuedLink oder SüdOstLink sowie dem Ausbau von netzdienlichen Großbatteriespeichern.

Ausbremsen der privaten Energiewende: Während fossile Kraftwerke mit Kapazitätsprämien gelockt werden, gerät die dezentrale Bürgerenergie ins Visier. Das schrittweise Kappen bzw. Streichen der Einspeisevergütung bei negativen Strompreisen und überbordende Auflagen für private Aufdach-Photovoltaik verunsichern Hausbesitzer massiv. Statt Anreize für Heimspeicher, dynamische Stromtarife und Sektorkopplung zu setzen, wird der private Zubau abgewürgt.

Fazit: Wer nicht vorangeht, wird überrollt

Klimaschutz ist längst keine rein ökologische Frage mehr; er ist der härteste ökonomische Standortfaktor dieses Jahrzehnts. Eine Bundesregierung, die nach Katastrophen Tatkraft verspricht, im Alltag aber von Parteifreunden getrieben wird, die das Gestern konservieren wollen, schadet dem Wirtschaftsstandort Deutschland gleich doppelt: Sie verfehlt die Klimaziele und riskiert den Wohlstand unserer Schlüsselindustrien.